Árdis Oscarsdottír  (Marie-Christine)

Mein Leben war niemals gradlinig verlaufen. Aufgewachsen im Reich der Franken, galt ich immer als Kind mit dem Kopf in den Wolken. Mein Vater sagte mir oft, dass ich ein kriegerisches Herz hatte. Und obwohl meine Mutter es nicht Leid wurde mir zu sagen, dass mich diese Eigenschaft eines Tages Kopf und Kragen kosten würde, hielt ich an meinem Sturkopf fest.

Eines Tages, in jungen Jahren, nachdem ich die Anträge vieler, guter Männer abgelehnt hatte, sagte ich meiner Familie, dass ich reisen wolle. Meine Mutter wurde sehr wütend, doch mein Vater riet ihr, mich gehen zu lassen. Zwar würde ich mein Zuhause schmerzlich vermissen, aber es waren auch Dinge passiert, die meinen Entschluss und den Wunsch nach Freiheit gefestigt hatten.

 

Auf meiner Reise durch das Frankenreich lernte ich viele, nützliche Dinge:
Eine Familie nahm mich auf, damit ich auf ihre Kinder aufpassen konnte. Dort lernte ich zu verstehen, wie verschieden Familien und Menschen waren und wusste bald, was ich sagen konnte, um den Menschen gut zu tun. Viele Dorfbewohner kamen zu mir und forderten meinen Rat.

Vielen Familien wurde durch meine Rede geholfen und sie zeigten sich dankbar. Endlich fand ich auch einen Mann, dem ich mich versprechen wollte und wir heirateten an einem schönen Sommertag. Wir bekamen zwei Kinder zusammen, die erwachsen wurden und ihrer Wege zogen.

 

Eines Tages aber hörte ich, dass der Wind wieder meinen Namen rief und ich spürte ein Unheil in meiner Brust schwellen, sollte ich nicht weiterziehen. Ich ignorierte die Stimme des Windes und bald ereilte mich die Schmach dieses Handelns. Mein Ehemann hatte einer anderen Frau gut zugesprochen und wurde von ihrem eifersüchtigen Ehemann erschlagen.

So war ich eine Witwe und da mich nichts mehr in dem Dorf hielt, zog ich weiter, um mein Glück woanders zu suchen.

 

Nun kam ich letzten Endes in die große Stadt Paris. Dort fühlte ich mich erst gar nicht wohl: Doch ich ging in die Lehre eines Bäckers und lernte bei seiner Frau noch das Handwerk einer Näherin und gleichzeitig wollten viele Familien meine Unterstützung. Endlich fühlte ich mich so etwas wie frei. Dann aber wurden wir angegriffen. Paris wurde belagert. Wir hatten furchtbare Angst vor den seltsamen Nordmännern, von denen viele brutal, viele barbarisch waren. In unsere Backstube kehrten allerdings drei friedliche Mannen ein, von denen einer mir gefiel. Er war zwar ein wenig jünger als ich, doch hatte er eine schöne Stimme, mit der er wunderbare Lieder zum Besten gab. Und als dann sein König wieder von Dannen ziehen wollte, da bat er mich, mit ihm zu kommen und ich willigte ein und wurde des Wikingers Frau.

 

Bald schon erwartete ich ein Kind. Zwar hatten die Heiler dieses Volkes mir prophezeit, dass ich zu alt sei, doch meine Hoffnung blieb erhalten. Leider mieden uns die Dorfbewohner zu Beginn, denn sie verachteten die Vermischung unserer Völker. Doch als ich meinen Willen bewies, mich ihrer Kultur hinzugeben, mir einen der ihren Namen wählte und ihnen meine Ratschläge anbot, wurde dieses Volk bald zu meiner Familie. Meine gesunde Tochter, Sylgja, kam zur Welt und obwohl sie häufig noch getriezt wurde, kamen wir gut zurecht in unserem Leben. Zwar liebte ich meine Familie sehr, doch erhielt ich eines Tages Nachricht von meinem erwachsenen Sohn: Er sei in große Schwierigkeiten geraten und bräuchte Rat. Sonst würde man ihn wohl hängen. Ich musste in das Frankenreich zurückkehren und damit ich meine Familie im nordischen Reich nicht gefährdete, hinterließ ich keine Spur meines Verbleibs.  

 

Mein Sohn hatte es sich mit einem hohen Offizier der fränkischen Armee verscherzt, mit dem ich allerdings als Kind aufgewachsen und dessen Avancen ich mehrfach verschmäht hatte. Seine Frau war vor vielen Jahren verstorben und obwohl mein Herz immer noch meinem Barden im Norden gehörte, ehelichte ich den fränkischen Offizier zum Willen meines Sohnes. Ich konnte nie zurückkehren, bis sich erneut ein Unheil ankündigte und eine schwere Krankheit meinem dritten Ehemann das Leben nahm. Es schien mir unmöglich, meine Tochter und meinen zweiten Ehemann wiederzufinden, doch ich musste es versuchen.

 

Ich schloss mich verschiedenen Reisenden an, wurde Mitglied in Heerlagern und zog immer weiter in den Norden. Auf einer Lagerung zu Öjendorf, nahe der Hammaburg im Germanenreich, war es dann wie ein Geschenk der Götter: Ich erkannte sie sofort, denn sie hatte die Augen ihres Vaters.

Da stand meine Tochter, Sylgja, Mitglied eines anderen Lagers und eben wie ihr Vater war sie eine Bardin geworden. Als ich sah, wie glücklich sie war, umgeben von Menschen, die sie lieben und ihrem Manne, da wusste ich, dass ich meinen Platz gefunden hatte. So kam ich zu Blendingur und begleite dieses Lager seither immer öfter auf ihren Reisen.